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Von Christian Franke
Ruhe und Muße – das bewusste Wahrnehmen, Erkennen und Fühlen dessen, was um und in uns gedeiht – erscheinen als ein Ideal, das nur Künstlern und Philosophen vorbehalten ist. Die Greifswalder Künstlerin Stefanie Schestow lädt mit ihrer aktuellen Ausstellung im Schweriner Coworking-Space „tisch“ dazu ein, dieses Ideal neu zu entdecken. Beim Betrachten ihrer Bilder wird das vermeintlich exklusive Privileg der Kontemplation für alle erfahrbar: Die Werke vermitteln Momente der Ruhe und lassen den schöpferischen Prozess der Künstlerin erahnen. Stefanie Schestow, geboren 1983 in Berlin, studierte Kunst und Gestaltung sowie Philosophie in Greifswald. Ihre Arbeiten wurden bereits im Caspar-David-Friedrich-Institut und im Pommerschen Landesmuseum präsentiert.
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Das zentrale Motiv ihrer Gemälde sind großblättrige Pflanzen, die den Bildraum dominieren, ohne sich dem Betrachter aufzudrängen. Die harmonische Farbgebung erzeugt eine mimetische Wirkung, die an die Präsenz echter Pflanzen erinnert: Sie fördern Achtsamkeit, bauen Stress ab und verlangsamen das Zeitempfinden – vorausgesetzt, man versteht den Menschen als biophiles, also der Natur zugeneigtes Wesen.
Annäherung, Öl auf Leinwand, 2025
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Immer wieder tauchen auf den Bildern Kinder auf, die staunend und tastend vor den Pflanzen stehen. Sie nehmen die Haltung neugieriger Beobachter ein, offen für das Unbekannte und das noch nicht Entdeckte. Das Motiv des Kindes erinnert an eine verloren gegangene Fähigkeit, die der Betrachter wieder erfahren darf: das Staunen. Für die dargestellten Kinder ist die Begegnung mit den Pflanzen alles andere als profan; jedes Detail wird mit größter Sorgfalt erkundet, als öffne sich ein neuer Kosmos. Nicht der Betrachter selbst steht im Mittelpunkt, sondern das Betrachten als aktiver, sinnstiftender Prozess.



Neben den großformatigen Acrylgemälden sind auch kleinere Aquarelle zu sehen, die das Thema auf subtile Weise variieren. Die Kuratorin Annekathrin Siems platzierte die Kleinformate bewusst tief auf der Ausstellungsfläche, sodass der Betrachtende – ähnlich wie die dargestellten Kinder – in die Hocke gehen muss, um Details zu entdecken. Betrachten und sich kümmern sind hier keine bloße Kontemplation, sondern verlangen nach aktivem Handeln.

Der Kontrast zwischen dem geschäftigen Treiben der Passanten vor dem„tisch“ und dem ruhigen, konzentrierten Blick auf Stefanie Schestows Arbeiten macht die Ausstellung zu einem besonderen Erlebnis. Die Ausstellung im „tisch“, Wittenburger Straße 16 a/b, ist noch bis zum 13.03.2026 zu sehen.
Titel: Geflecht, Öl auf Leinwand, 2025. Alle Fotos: @Peter Scherrer
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