Thomas Mann bietet Argumentationshilfen im aktuellen politischen Diskurs
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Von Susanne Scherrer
Im vergangenen Jahr gedachten die Deutschen des 150. Geburtstags des „Dichterfürsten“ Thomas Mann, wie die Kritik ihn gern titulierte. Angesichts der 2026 anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo lohnt es sich, einige prägnante Zitate des politischen Thomas Manns hervorzuholen und auf ihren Aktualitätsgehalt zu überprüfen. Wer einen unkomplizierten Zugang sucht, dem seien zwei Publikationen besonders empfohlen: Thomas Manns Ansprachen „Deutsche Hörer“ (auch als Audio-Aufnahmen) und der aktuelle Katalog zur Lübecker Jubiläumsausstellung „Meine Zeit – Thomas Mann und die Demokratie“
Im Jubiläumsjahr wurde oft und zu Recht an Thomas Manns Radioansprachen „Deutsche Hörer“ erinnert. Als scharfzüngiger Gegner des nationalsozialistischen Regimes richtete der Schriftsteller als öffentlicher Intellektueller zwischen 1940 und 1945 Dutzende Appelle aus dem amerikanischen Exil an die Deutschen, die sich die nationalsozialistische Gewaltherrschaft selbst gewählt und sich in einen vernichtenden Krieg hatten treiben lassen. Ziel dieser Reden war es, über Gewalt und Verbrechen des Regimes faktisch aufzuklären sowie die Schuldigen zu benennen und anzuklagen. Es ging dem Literaten auch darum, die Parolen und das aufgeblasene Nazi-Vokabular zu entlarven, mit allen ihm zur Verfügung stehenden stilistischen Mitteln aufzuspießen und deren inhaltliche Leere bis zur Lächerlichkeit bloßzustellen. Um sein Zielpublikum zu erschüttern, zog er alle Register und appellierte an Vernunft, Ethos und Gewissen. Vor allem wollte er die Zuhörenden in Deutschland emotional aufrütteln und Empathie erzeugen.


Susanne Scherrer
Schon die Anrede „Deutsche Hörer!“ weist darauf hin, dass er zwischen den Nationalsozialisten und ihren Jüngern und seinen, den „guten“ Deutschen, die noch einen moralischen Kompass besaßen, zu unterscheiden suchte. „Es ist die Stimme eines Freundes, eine deutsche Stimme; die Stimme eines Deutschland, das der Welt ein anderes Gesicht zeigte und wieder zeigen wird als die scheußliche Medusenmaske, die der Hitlerismus ihm aufgeprägt hat.“ „Euch warnen, Deutsche, heißt euch in euren eigenen schlimmen Ahnungen bestärken.“ (März 1941).
Erwache, Deutschland, zur Vernunft!
Wie charakterisiert Thomas Mann die Leitfiguren des „maßlos korrupten, rechtsunfähigen, krankhaft ruchlosen“ Nazi-Regimes? „Seht euch die Galerie seiner Vertreter an, diese Ribbentrop, Himmler, Streicher, Ley, diesen Goebbels, ein weit aufgesperrtes Lügenmaul, den übel inspirierten Führer selbst und seinen fetten, putzsüchtigen Groß-, Erz- und Reichsmarschall des Großdeutschen Großraum-Reiches! Was für eine Menagerie!“ Gleichzeitig gibt er die Hoffnung auf die Einsicht der „besseren Deutschen“ nicht auf: „‘Deutschland erwache!‘ Damit hat man euch einst in den verderblichen Rauschtraum des Nationalsozialismus gelockt. Der [Thomas Mann] meint es besser mit euch, der euch heute zuruft: „Erwache Deutschland! Erwache zur Wirklichkeit, zur gesunden Vernunft, zu dir selbst, zu der Welt der Freiheit und des Rechtes, die auf dich wartet!“ (Juli 1941).
Thomas Manns Begriff von Freiheit ist eng gekoppelt an die Notwendigkeit, sich verantwortlich für deren Erhalt zu zeigen. „Freiheit, politisch verstanden, ist vor allem ein moralisch-innenpolitischer Begriff. Ein Volk, das nicht innerlich frei und sich selbst verantwortlich ist, verdient nicht die äußere Freiheit.“ Und wenn die Deutschen „trotzig“ äußere Freiheit einforderten, handelte es sich wohl eher darum, dass sie ihren „völkischen Egoismus“ verteidigen wollten. Diese militant auftrumpfende Haltung der Deutschen nach außen, folgt man Thomas Mann, „vertrug sich im Inneren mit einem befremdenden Maß von Unfreiheit, Unmündigkeit, dumpfer Untertänigkeit.“ (April 1945).


Weitere Argumentationshilfen für den heutigen Diskurs finden sich im Katalog der Jubiläumsausstellung des Lübecker Buddenbrookhauses „Meine Zeit – Thomas Mann und die Demokratie“, die in diesen Tagen endet. Darin geht es um die Darstellung der politischen Sozialisation Thomas Manns als deutscher Künstler und Intellektueller, geprägt von rigorosen politischen Umwälzungen und zwei erstmals global ausgefochtenen, vernichtenden Kriegen.
Als Schriftsteller der Wahrheit verschworen
Der Titel bezieht sich auf die Rede „Meine Zeit“ von 1950. Thomas Mann durchwandert darin die Phasen der politischen Umbrüche und beschreibt, wie ihn diese Erfahrungen sowohl prägten als auch veränderten. Seine Entwicklung vom konservativen Deutsch-Nationalen zum internationalen Verteidiger von Freiheit und Humanismus verlief nicht linear. Seine Texte, Essays und Reden widerspiegeln diesen kontinuierlichen Prozess der Selbstbefragung. Demokratie versteht er, spätestens seit Anfang der 1920er Jahre, als Postulat für eine sozial gerechte, offene und sich frei entfaltende Gesellschaft. Im Gegensatz dazu stehen Gewaltherrschaft und damit verbundene Entmenschlichung.
In „Meine Zeit“ spricht er über seinen Schrecken vor dem totalitären Dogmatismus „wegen des prinzipiellen Unverhältnisses des Totalitarismus zur Wahrheit, das mir gegen die tiefsten Instinkte geht. Als Schriftsteller, als Psycholog, als Darsteller des Menschlichen bin ich der Wahrheit verschworen und auf sie angewiesen. […] Nun aber verlangt der totale Staat, dass man an Lügen glaube. […] Genau dies aber, dass die Lüge durch Gewalt zur Wahrheit und zum Fundament des Lebens werden kann, ist es, was der Totalitarismus [lehrt].“
Aber Thomas Mann zweifelt auch: „Es fragt sich, ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“ Das sitzt. Auch darin erkennen wir die Gegenwart.
Für den Erhalt der Freiheit braucht es die richtige Staatsform. „Die Republik ist ein Schicksal und zwar eines, zum dem ‚amor fati‘ [Liebe zum Schicksal] das einzig richtige Verhalten ist. Das ist kein zu feierliches Wort für die Sache, denn es handelt sich um keine Kleinigkeit von Schicksal: die sogenannte Freiheit ist kein Spaß und Vergnügen, nicht das ist es, was ich behaupte. Ihr anderer Name lautet „Verantwortlichkeit“. Das schrieb Thomas Mann schon 1922 in seinem Aufsatz „Von deutscher Republik“. Die junge Weimarer Republik empfand Thomas Mann als ein „Geschöpf der Erhebung und der Ehre“. Er warnte damit alle Kritiker, die sie leichtfertig herabwürdigten oder gar zynisch verhöhnten, was sowohl in rechts-konservativen als auch in links-liberalen Kreisen gängige Praxis war.

Der broschierte Ausstellungskatalog „Meine Zeit – Thomas Mann und die Demokratie“, von Caren Heuer und Barbara Eschenburg zusammengestellt und herausgegeben, mit vielen Fotos, Abbildungen und eingeschobenen Comics aufgelockert, präsentiert die an sich schwer verdauliche Genese Thomas Manns als „homo politicus“ in bekömmlichen Häppchen. Dabei mangelt es den beigelegten Aufsätzen weder an Tiefe noch an Komplexität. Die Exzellenz der Autorinnen und Autoren belegt das eindrücklich. Der renommierte Germanist Heinrich Detering brilliert mit seiner Analyse von Thomas Manns Suche nach einer humanen, sozialen Demokratie gegen die Totalitarismen seiner Epoche ebenso wie, beispielsweise, der Politikwissenschaftler Andreas Braune, der die Frage stellt: Kann und darf Kunst unpolitisch sein?
Allen Beiträgen gemein ist das Streben, verstanden zu werden, und nicht nur von ihresgleichen. Weiterhin bemühen sich alle Mitwirkenden, Bezüge zur Gegenwart herzustellen, ja sogar die Frage zu erörtern, ob wir uns wieder in der Endphase einer demokratisch organisierten Republik befinden und ob und was Künstler*innen in dieser Situation tun können oder sollen. Für diesen Praxisbezug gebührt vor allem den Herausgeberinnen ein dickes Lob.
Am Ende lässt Thomas Mann uns nicht ohne Hoffnung zurück. „Die Zeit ist ein kostbares Geschenk, uns gegeben, damit wir in ihr klüger, besser, reifer, vollkommener werden“, schloss er seine Ansprache von 1950.
| Thomas Mann: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland, Neuausgabe mit einem Vorwort und einem Nachwort von Mely Kiyak, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, 272 S., EUR 24,00. Caren Heuer, Barbara Eschenburg (Hrsg.): Meine Zeit, Thomas Mann und die Demokratie, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2025, 212 S., EUR 24,00. Audio-Aufnahmen (Auswahl): Deutsche Hörer! Radioansprache Thomas Manns vom 3. August 1943: https://archive.org/details/Thomas-Mann-Deutsche-Hoerer/Thomas+Mann+-+Deutsche+H%C3%B6rer+3+-+August+1942.mp4 Weitere Beispiele von „Deutsche Hörer“, Thomas Mann im Original: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/archivradio/thomas-mann-meldet-sich-aus-kalifornien-102.html „Meine Zeit“ – Rede Thomas Manns im Originalton: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/archivradio/meine-zeit-thomas-mann-blickt-1950-auf-sein-leben-zurueck-100.html |
Titelfoto: Thomas Mann, am Schreibtisch, in Pacific Palisades (USA), 1941. Fotograf unbekannt. ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv.
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Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, übersetzt aus dem Ungarischen, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.