Sich der Literatur einmal aus filmischer Perspektive zu nähern, kann in Flops enden – oder aber zu äußerst erfreulichen Überraschungen führen. Ein Beispiel dafür ist Manja Wittmanns Streaming-Tipp aus der arte-Mediathek „The Dreamer – Becoming Karen Blixen“.
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Von Manja Wittmann
Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere noch an den Kinohit „Jenseits von Afrika“ aus den 1980er Jahren, der auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman der dänischen Autorin Karen Blixen (auch bekannt als Tania Blixen oder Isak Dinesen) basiert. Meryl Streep spielt die unglücklich verheiratete Karen Blixen, die sich in den 1920er Jahren auf einer Kaffee-Farm in Kenia mit dem Abenteurer Denys Finch Hatton, dargestellt von Robert Redford, auf eine komplizierte Liebes- und Lebensgeschichte einlässt. Sie endet für beide tragisch. Er stirbt bei einem Flugzeugabsturz, ihre Farm brennt ab, und sie kehrt nach 17 Jahren geschlagen und krank zu ihrer Familie nach Dänemark zurück. An dieser Stelle endet der Kinofilm und es beginnt die sechsteilige Miniserie.
Basierend auf biografischem Wissen über die Autorin und zahlreichen Briefauszügen entsteht Folge für Folge ein ganz außergewöhnliches Porträt einer Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In opulent fotografierten Szenen, die sowohl in Kenia als auch in Dänemark spielen, entsteht eine vieldimensionale Lebensgeschichte, die zugleich auch eine Literaturgeschichte ist. Die von Connie Nielsen dargestellte Karen Blixen ist dabei weder weichgezeichnet noch dauerhaft sympathisch. Ihr oftmals rücksichtslos wirkendes Verhalten, auch ihrer liebevollen und zugewandten Familie gegenüber, erfährt schließlich durch ihren schon damals immensen literarischen Erfolg eine Rechtfertigung.


Natürlich stellt sich auch die Frage, ob diese zielstrebige Autorin als Mann in Gesprächen mit Verlagen früher ernst genommen worden wäre. Nicht grundlos hat sie ihre ersten Kurzgeschichten unter dem männlichen Pseudonym Isak Dinesen zuerst in englischer Sprache veröffentlicht. Eine dieser Geschichten ist „The Dreamer“. Daraus werden fantasievolle bis fantastische Sequenzen in die Handlung hinein gewoben, was trotz einer gewissen theatralischen Künstlichkeit eindrucksvoll gelingt. So erlebt man nicht nur den Werdegang von Karen Blixens Publikationsversuchen, sondern erfährt auch auf poetische Weise vom Inhalt ihrer Geschichten, deren Personal einem stellenweise durchaus bekannt vorkommt.
Ein weiteres Wagnis sind die Rückblicke in die afrikanischen Jahre. Diese Ausschnitte vergleicht man natürlich sofort – sofern bekannt – mit dem „Original“, aber die hervorragende Besetzung und die ganz andere Art der Inszenierung können jedem Vergleich standhalten.

Ein ganz anderes, düsteres Kapitel in Blixens Leben ist ihre Syphiliserkrankung, die sie ihrem umtriebigen Ehemann Baron Bror Blixen zu verdanken hat. Er selbst erkrankt nur leicht, sie dagegen lebensgefährlich. Sie unterzieht sich einer furchtbaren Therapie, die nach damaligem Wissen die beste Methode war, aber die Nebenwirkungen bestimmen ihr weiteres Leben. Wiederkehrende starke Unterleibsschmerzen bleiben ihr dauerhaft erhalten, und ihre Kinderlosigkeit ist ebenfalls darauf zurückzuführen. Unglaublich rührend und zugewandt agiert Karen Blixens Mutter Ingeborg Dinesen. Als hätte sie von Anfang an gewusst, was in ihrer so besonderen Tochter steckt, hält sie in jedem Familienkonflikt – und davon gibt es viele – eine schützende Hand über sie und bleibt bis zu ihrem Tod an ihrer Seite.
Man taucht in diesen 6 × 45 Minuten in einen Kosmos ein, den man auch ohne die vorherige Kenntnis dieser Autorin oder des oben genannten Kinofilms genießen kann. Außerdem macht die Miniserie Lust darauf, sich erneut Karen Blixen zu widmen. Sei es, sich den durchaus gut gealterten Kinofilm von 1985 nochmals anzuschauen oder dem Karen-Blixen-Museum in Rungsted (30 km nördlich von Kopenhagen) einen Besuch abzustatten. Denn schon zu Lebzeiten hat Karen Blixen dafür gesorgt, dass das großzügige Familienhaus nördlich von Kopenhagen zu diesem Zweck erhalten bleibt.
Die 6-teilige dänische Miniserie ist noch bis Ende November 2026 in der arte-Mediathek verfügbar.
Titel: Karen Blixen (Foto: @ Karen Blixen Museum)
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