Von Bernd Kasten
Die Landtagswahlen im Februar 1924 hatten der sozialdemokratischen Regierung in Mecklenburg-Schwerin eine vernichtende Niederlage beschert und die Feinde der Republik konnten ihren ersten großen Sieg feiern: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) hatte 29% und die deutschvölkische Freiheitsbewegung 19% der Stimmen bekommen. Für den neuen Ministerpräsidenten, Joachim Freiherr von Brandenstein (DNVP), erwiesen sich die Völkischen gleichwohl als schwierige Partner. Während die Deutschnationalen eine einigermaßen realistische Regierungspolitik verfolgten, erschöpfte sich die Tätigkeit der völkischen Abgeordneten in blankem Populismus. Im April 1926 forderte Albrecht von Graefe, Chef der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) und Besitzer des Gutes Goldebee bei Wismar, auf einer großen Landvolkversammlung in Güstrow ultimativ Pacht- und Steuersenkungen für die Landwirtschaft. Er war zu allem entschlossen: „Lieber eine rote Regierung, die uns zu Tode quält, als eine nationale Regierung, die ein taubes Ohr für uns hat.“

Um die mit diesen Forderungen verbundenen Einnahmeverluste zu kompensieren, hätte die Regierung die Stadtbewohner umso stärker belasten müssen, was sie bei aller grundsätzlichen Landwirtschaftsfreundlichkeit doch ablehnen musste. Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Friedrich Graf von der Schulenburg, Besitzer des Gutes Tressow bei Grevesmühlen, schrieb am 14. April 1926 an seinen Freund Graf Arnim: „Nachdem ich hier die letzten 14 Tage im Lande herumgehetzt bin, um die durch Graefe p.p. zu leidenschaftlicher Erregung aufgereizte Meckl. Landwirtschaft wenigsten einiger Maaßen in besonnene und in solchen Bahnen zu halten, dass das Ministerium Brandenstein nicht gestürzt wird und wir ausgerechnet durch die Landwirtschaft Neuwahlen und ein Rotes Ministerium bekommen, bin ich jetzt so herunter, dass der Arzt einen Aufschub nicht mehr zuläßt“. Doch alle Bemühungen der deutschnationalen Parteispitze, den „Va banque-Spieler“ Albrecht von Graefe noch zu zügeln, scheiterten.
Am 21. April 1926 versammelte sich der Landtag zu seiner 77. Sitzung im Konzertsaal des mecklenburgischen Staatstheaters am Alten Garten in Schwerin. In namentlicher Abstimmung erklärten sich jetzt nur noch die 23 Abgeordneten der konservativen Deutschnationalen Volkspartei und der nationalliberalen Deutschen Volkspartei bereit, weiterhin den Kurs der Regierung zu unterstützen. 37 Abgeordnete, darunter neben den linken Oppositionsparteien auch alle Völkischen, stimmten mit „Nein“. Als der Landtagsvorsitzende dieses Ergebnis verkündete, rief der kommunistische Abgeordnete Hugo Wenzel begeistert: „Antreten zum Kofferpacken!“, und tatsächlich verkündete Ministerpräsident Brandenstein kaum eine Stunde später den Rücktritt seiner Regierung.

Die folgenden Neuwahlen brachten eine deutliche Niederlage für die Völkischen, deren Rechnung eindeutig nicht aufgegangen war, und einen knappen Sieg für die SPD. Die Uneinigkeit ihrer Gegner hatte der Republik noch einmal eine zweite Chance beschert.
Titel: Grabstein Joachim von Brandenstein, Friedhof Beidendorf, Bobitz, Nordwestmecklenburg (Foto: @ Klaus Martin Bardey, 2022)
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