Viele junge Töne on tour

Neue Talente begeistern bei Schweriner Fahrradkonzert

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von Til Rohgalf 

Cellotöne in der Tischlerei, Jazz beim Ruderclub: Das Fahrradkonzert im Rahmen der Mecklenburger Festspiele bot über 20 Künstler*innen ungewöhnliche Spielorte und dem radelnden Publikum ein stilistisch vielfältiges Programm an insgesamt 12 Stationen. Zu entdecken gab es unter den Musiker*innen eine Reihe junger Talente mit erfrischendem Programm.

Auf der Klassik-Bühne im BO 71 in der Bornhövedstraße spielten die beiden herausragenden Münchner Nachwuchsmusiker Andrea Cicalese (Violine) und Antonio Del Castillo (Akkordeon). 

Andrea Cicalese, 2005 in Neapel geboren, lebt seit 2012 in München. Dort begann das Riesentalent mit dem Violinunterricht und wurde bereits mit elf Jahren einer der jüngsten Schüler am renommierten Perosi-Konservatorium im italienischen Biella. Der Gewinner des Bundespreises „Jugend musiziert” von 2019 hatte bereits diverse internationale Auftritte und Solokonzerte in Sälen wie mit den Münchner Symphonikern in der Isarphilharmonie. Auf seiner kostbaren „Guarneri del Gesù“ von 1731 spielte er in Schwerin im Duett mit Antonio Del Castillo. Der 2004 in eine italienisch-englische Musiker*innenfamilie geborene Akkordeonist ist ein ebenso großes Talent mit einer national wie international beeindruckenden Erfolgsgeschichte. Neben anderen Auszeichnungen gewann er 2022 einen 1. Preis bei „Jugend musiziert”. Seit 2023 studiert der Multi-Instrumentalist (Akkordeon, Violine, Jazz-Piano) an der „Musikene Donostia“ in San Sebastián. 

Andrea Cicalese (Violine) und Antonio Del Castillo im BO71 (Foto: Jantje Rohgalf)

Der Auftritt im BO71 war ein beeindruckendes Erlebnis zweier technisch versierter, aber dennoch voller Leidenschaft und Liebe zur Musik spielender Ausnahmetalente. Mit ihren Instrumenten erschufen die beiden eine harmonische Einheit voller Präzision und Feinfühligkeit. Antonio Del Castillos Melodiespiel schenkte dem Klangbild weitere aufregende Nuancen. Beeindruckend war überdies Del Castillos dynamisches Spektrum, das insbesondere in leisen Parts zum Tragen kam. Einen Höhepunkt im Set der beiden, das einen erkennbaren Schwerpunkt in Alter Musik hatte, bildete final das wohlbekannte, aber in diesem Fall von außergewöhnlicher Feinfühligkeit und Subtilität dargebotene „Air” (BWV 1068) von Johann Sebastian Bach. 

Auf der Junge Klassik-Bühne im E-Werk  waren Anne Christin Möbius (Klavier) solo sowie Lucie Benediktová (Querflöte) und Sara Mai Kusama Karlíčková (Klavier) als Duett zu hören.

Die Schwerinerin Anne Christin Möbius gewann sowohl als Pianistin als auch auf der Querflöte seit 2022 bereits mehrere 1. Preise beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert” und ist Teil des Talentfördernetzwerks „Young Academy Rostock”.

Neben ihrer eindrucksvollen und selbstbewussten Bühnenpräsenz beeindruckte Anne Christin Möbius in ihrem stilistisch vielseitigen Set durch ein überzeugendes Spiel. Ohne Frage erlebten die Zuhörenden (u. a. mit Werken von Friedrich Gulda) eine Musikerin mit sehr großem Potenzial.

Mit sichtbarer Spielfreude harmonisierten Lucie Benediktová und Sara Mai Kusama Karlíčková fein aufeinander abgestimmt in ihrem Set. Ein Höhepunkt war zum einen Lucie Benediktovás Solostück, bei dem die Nachwuchsmusikerin die Bandbreite ihres Könnens zeigte und – feinsinnig platziert – diverse erweiterte und unkonventionelle Spieltechniken einbaute. Zum anderen war es ein Stück von Henri Dutilleux, das die dynamische und klangfarbliche Bandbreite des Duos aufzeigte. Auch Lucie Benediktová und Sara Mai Kusama Karlíčková hatten eine spannende Musikauswahl dabei, die neben dem französischen „Meister der Klangfarben“ u. a. auch Klavierwerke von György Ligeti umfasste.

Geboren 2007 im westfälischen Witten als Tochter tschechischer Eltern, entdeckte Lucie Benediktová im Alter von sieben Jahren ihre Leidenschaft für Querflöte und Piccoloflöte. Die musikalische Karriereleiter erklomm die Flötistin 2023 mit der Aufnahme am Internationalen Zentrum für musikalische Frühförderung (YARO) an der Hochschule für Musik und Theater (hmt) Rostock. Drei 1. Preise beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ und weitere andere Auszeichnungen sprechen zudem eine deutliche Sprache. Seit Oktober 2024 ist sie zudem Mitglied des renommierten Bundesjugendorchesters.

Sara Mai Kusama Karlíčková (Klavier) und Lucie Benediktová (Foto: Til Rohgalf)

Die 18-jährige Flensburgerin Sara Mai Kusama Karlíčková ist eine ebenso vielversprechende Musikerin der deutschen Nachwuchsszene. Sie war 2024 und 2025 Teilnehmerin des renommierten Exzellenzforums Nachwuchs, in dem Nachwuchstalente solo und in Kammermusikkontexten spielen. Zudem trat sie mehrfach in den Espresso-Konzerten der Young Academy Rostock auf, so u. a. am Konzerthaus Berlin. Hier spielen junge Talente in Begleitung der Hausorchester. Als Frühstudentin an der hmt Rostock rückte sie beim Al-Hoffmann Young Competition 2024 ins Rampenlicht – gemeinsam mit Lucie Benediktová gewann sie den 1. Preis in der Kategorie „Frühstudium“.

Auf der Kinder-Bühne – im ehemaligen Offizierskasino in der Johannes-Selling-Straße – las der Schauspieler Flavius Hölzemann, begleitet durch die Violinistin Antonia Fischer, den Kinderbuchklassiker „Ferdinand, der Stier” von Munro Leaf. Der deutsch-schweizerische Schauspieler Flavius Hölzemann (*1992), bekannt auch aus Fernsehproduktionen, studierte an der hmt Rostock, war von 2017 bis 2020 am Mecklenburgischen Staatstheater. Seit 2021 ist er wieder als festes Ensemblemitglied auf der Schweriner Bühne zu sehen. 

Zugewandt und ausdrucksstark, mit pointierten stimmlichen und darstellerischen Nuancen bot Hölzemann die 1935 entstandene Geschichte vom friedliebenden Stier, der sich weigert, in der Stierkampfarena in Madrid zu kämpfen, anregend dar.

Antonia Fischer ist Teil der 1. Violine bei der Mecklenburgischen Staatskapelle. Sie begleitete auf der Geige, griff gekonnt Stimmungen und Emotionen der Handlung auf und malte diese musikalisch virtuos und farbenreich aus. Das gebannt zuhörende Publikum erlebte eine 25-minütige Lesereise mit treffend nuancierter musikalischer Begleitung und goutierte mit lang anhaltendem Applaus. 

Bei warmem Sommerwetter konnte das Fahrradkonzert auch durch die Vielzahl junger und spannender Talente überzeugen. Deren Musik bestach neben der interpretatorisch überzeugenden Darbietung auch vielfach durch weniger bekannte und seltener gespielte Komponist*innen. An dieser Stelle wäre ein ausführlicheres Programm seitens der Festspiele allerdings hilfreich gewesen.

Ein rundum gelungenes Event an ungewöhnlichen Spielorten und ein wahrer Fundus für musikalische Neuentdeckungen.

Titel: Anne Christin Möbius (Foto: Til Rohgalf)

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

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